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Glossen

Augenzeugen

Die Redewendung "unfreiwillig Zeuge des Geschehens werden" hat ausgedient. "Werden Sie Augenzeuge!" lockt die Nachrichtenbackstube n24, und in der Tat scheint diese Beschäftigung neben Falschparker aufschreiben und Pfahlsitzen ein lohnender Zeitvertreib.

Wer glaubt, freudlos Kommentare zu stammeln sei ein Privileg von Günter Netzer, der irrt: längst ist das Absondern sinnfreier Sentenzen Volkssport geworden. Da explodiert in Wuppertal ein Chemiewerk, und ein Anwohner berichtet wahrhaftig: "Ja, da hat's einen großen Knall gegeben!". Ein Erdbeben mit der Stufe 6 auf der Richterskala erschüttert das Ruhrgebiet, und ein Gelsenkirchener Kumpel teilt tatsächlich mit: "Jau, dat ganze Geschirr bei uns inne Schränke war am Wackeln!"

Aussagen, die für alle Nicht-Dabeigewesenen unbedingt notwendig sind, um das Geschehen in seiner ganzen Tragweite zu erfassen.

Unverzichtbar sind auch jene Bilder, auf denen der Zeuge betroffen mit dem Zeigefinger gen Unglücksort deuten darf: Auf ein Fenster im 7. Stock etwa, das noch viel dramatischer wirkt, wenn ein Frührentner in Feinripp-Unterhemd mit dem Arm dorthin zeigt. Da kann man sich dann gleich viel lebhafter vorstellen, wie viel Glück der Rehpinscher doch hatte, im Balkongitter im Erdgeschoss hängen zu bleiben.

Informativ und überraschend auch die Statements zur Freilassung von deutschen Urlauber-Geiseln, die monatelang im Busch gefangen waren. Da hört man die frischfrisierte Nachbarin sagen "Wir sind so erleichtert", und die Arbeitskollegen beteuern: "Wir haben uns die ganze Zeit echt Sorgen gemacht". Wo bleiben sie, die wahren Emotionen wie "Scheiße, ich habe schon gedacht, die Wohnung nebenan würde endlich frei werden!" und "Die Frau Stöber-Wehrmann war schon immer so labil, die nimmt sich jetzt sicher erst mal ein halbes Jahr einen Krankenschein!"?

Und wie kommt es eigentlich, dass immer wie von Zauberhand zeitgleich mit dem Ereignis ein Amateur-Kommentator im kamerakompatiblen Hemd (uni, nicht zu wild gemustert) vor Ort ist? Vermutlich werden viele Langzeitarbeitslose längst geschult: auf professionellen Augenzeugen. Die lernen in Seminaren, wie man kamerawirksam sagt: "Schlimm, wirklich schlimm!" und sind wahlweise betroffen oder erleichtert in 20 Minuten an jedem Katastrophenschauplatz zur Stelle. Fortgeschrittene können auch über den Axtmörder aus Haus 13 sagen, dass er "immer freundlich gegrüßt hat" und über verstorbene Prominente, dass man sie, "vor allem auch als Mensch" vermissen wird.

Und dürfen sich dann für einen Augenblick so wichtig vorkommen wie Ex-Nationaltrainer bei der nachträglichen Spielanalyse ("Ja gut, äh, da war der Gegner, ich sage mal, wohl stärker") oder gar Nachrichten-Korrespondenten in der Live-Schalte: aufgeregt vor dem Wahrzeichen der Stadt stehend, und immer genauestens darüber informiert, zu welchen Tatbeständen es zur Stunde noch keine konkreten Informationen gibt.

Sollte der Ort des Geschehens mal abgeschirmt oder unzugänglich sein, so dass man die Augenzeugen nicht effektvoll herumdrapieren kann, können diese ja dann immer noch als "Experten" herhalten. Als solcher muss man nur vor einem meterlangen Regal mit Fachbuchattrappen stehen, eine Halbbrille in der Hand schwenken und zum Beispiel über Amokläufer sagen, dass sie "offensichtlich ein erhöhtes Aggressionspotential in sich tragen".

Also, wenn Sie demnächst Ihre Nachbarin beim Bäcker sagen hören: "Ich hab's ganz genau gesehen, die Frau Wesselbrink hat heute morgen ein Brötchen mehr genommen als sonst!", passen Sie auf, dass Sie nicht über die Kamerakabel fallen.

Erschienen in: PARDON. Heft 1/Mai-Juli 2004

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