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Glossen

Bitte nicht füttern

Sabine Bode fühlt sich öffentlich bloßgestellt

Man bemitleidet Menschen, die in einem fremden Land wohnen und die Sprache nicht verstehen, Wellensittiche, die ohne Artgenossen im Käfig ein einsames Dasein fristen - aber wer bemitleidet eigentlich kinderlose Paare inmitten eines Bekanntenkreises, in dem sich alles um Penatenöl und Pokémons dreht?

Gleich vorweg, dass es da keine Missverständnisse gibt: Mein Freund und ich lieben Kinder. Aber ist die Tatsache, dass wir im Augenblick noch keine eigene Brut versorgen, obwohl wir schon über 30 sind, ein Grund, uns zu behandeln, als seien wir gerade mit dem Raumschiff in der tannerschen Garage gelandet?

Wie ein jugendlicher Kleinkrimineller im Resozialisierungkurs sollen wir auf die richtige Bahn gebracht werden. Schäkern wir mit dem neuesten Nachwuchs in unserer Freundesschar, heißt es gleich: "Na, kommt man da nicht auf den Geschmack?"; bringe ich dem hinreißend-pubertierenden Redaktionspraktikanten ein Croissant vom Bäcker mit, tuscheln die Kollegen: "Das ist ihr Mutterkomplex, bei denen ist es bestimmt auch bald soweit!" Im Straßvenverkehrsrecht gäb's dafür drei Strafpunkte wegen unerlaubten Drängelns! Das Fieseste aber war, als man unserem innig geliebten Neffen den Satz beibrachte: "Tante Bine, ich hätte so gerne einen Cousin zum Spielen...!" Dass man ihm nicht noch einen Weinkrampf dazu antrainiert hat, war auch alles. Aber den hat dafür meine Schwieger-Oma im Repertoire, die es ja so gerne noch erleben würde , ein Urenkelkind im Arm zu halten - aber bitte bald, denn "wer weiß, wie lange mich der Herrgott noch hier lässt!"

Keine Frage, dass es bei uns bald "soweit ist", ist beschlossene Sache - allerdings nicht von uns! Bis dahin werden wir weiter von allen mitleidig belächelt. Etwa, wenn wir zum Besuch eine Packung Mon Cheris mitbringen und dabei vergessen, dass Susanne ja stillt und keinen Alkohol zu sich nehmen darf. Wenn wir in ganz normaler Zimmerlautstärke sprechen, und das, obwohl nur vier Zimmer weiter die kleine Linda schläft! Das mitgebrachte Spielzeugtier für die 2 ½ jährige wird denn auch kritisch beäugt: "Nicht geeignet für Kinder unter drei Jahren", liest ihr Mann Bernd von der Packung, "und dann noch nicht mal aus hautsympathischer, ökologisch angebauter Baumwolle!" Dem tapferen Bedanken folgt in solchen Fällen stets ein großmütiges "Naja, Ihr könnt sowas ja nicht wissen..."

Wir, das sind diese seltsamen Zeitgenossen, die nicht glauben, dass es nur eine Frage des Willens ist, jede Nacht mit zwei Stunden Schlaf auszukommen. Die nicht automatisch die Füße beim Laufen einen halben Meter anheben, um nicht über umherliegendes Spielzeug zu fallen. Die auch rückwärts einparken können, ohne sich an einem "Janina on Tour"-Aufkleber orientieren zu müssen.

Mit anderen Worten: WER ist denn hier eigentlich so exotisch? Da gehen Leute plötzlich zweimal in der Woche zu Krabbel-Treffs, nur weil da andere Leute sind, die auch Kinder haben. Da könnten wir ja genauso gut eine Interessengemeinschaft von Leuten bilden, die genau wie wir Opel Astra fahren, auch im vierten Stock wohnen (ohne Aufzug!) oder den Film "Titanic" gesehen haben. Da gäb's mit Sicherheit genauso viele Punkte, über die man sich mal austauschen könnte.

Aber sicher ist das alles ganz harmlos, nur wir verstehen das alles nicht, wir können ja nicht mitreden. Wir machen unsinnige Geschenke wie zum Beispiel eine Messlatte für die Wachstumserörterung der Kids ("Aus Kunststoff! Und nicht mal mit TÜV-Sicherheitssiegel!"). Wisst Ihr was, liebe Susannes und Bernds, liebe Schwieger-Omas und dressierte Neffen, bald habt ihr mich so weit! Das nächste mal nehme ich so ein Geschenk zurück und markiere mit Edding statt der Zentimeter auf dem Brett die Wochen- und Monate, die mir noch bleiben, bis meine biologische Uhr ihr letztes Stündlein schlägt. Kurz, bis ich endlich die Gewissheit habe, dass ich nie andere so quälen werde wie ihr!

Erschienen in BRIGITTE Heft 5/2001

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