Glossen
Chappi-Kanal, Udo Reiter!
Sabine Bode über den Intendanten des tierisch erfolgreichen MDR
"An welches Tier erinnert Sie welcher Sender?" Das fragte der Vermarkter der RTL-Gruppe, IP Deutschland, Probanden hüben wie drüben. Und da gibt's tierische Unterschiede.
In den alten Bundesländern stellte man die ARD auf eine Stufe mit einem Elefanten: groß, seriös und vertrauensvoll. Wer Fernsehgebühren verlangt, macht sicher auch auftragsgemäßes Programm. In den neuen Ländern musste dagegen der steife, unbewegliche und unnatürliche Pinguin als ARD-Metapher herhalten. Immerhin hat man gelernt, den Obrigkeiten nicht mehr alles Vorgekaute abzunehmen. Wirklich affig ist aber folgendes: Der WDR erscheint den Befragten als eigenständige Katze, der MDR als... Schäferhund! Angeblich, weil dieser lieb, treu und beschützend ist. Wahrscheinlich aber viel mehr, weil des Deutschen liebster Befehlsempfänger ja dazu da ist, eine Herde dummer Tiere beieinander zu halten, damit sie's Fell an Fell mollig warm haben. Zum Hundeblick von Axel Bulthaupt passt der Vergleich allemal. Und, lieber MDR-Intendant Udo Reiter, ist es nicht sowieso das oberste Ziel Ihrer Anstalt, so zu tun, als seien noch keine reißenden Wölfe in die Idylle eingedrungen, als sei noch alles so heimelig-kuschelig wie früher, als noch keine unbedarften Bürger verheizt wurden? Darum dürfen sich etwa von Verkaufshaien Geprellte bei " Ein Fall für Escher", diesem nickelbebrillten Sozialsamariter, ausweinen: Der elektromusuklare Heimstimulator macht gar nicht in zehn Tagen zehn Kilo weg! Betrug! Den "ährlischen Pohtna fürs Läben" sucht man in der reimtechnischen Meisterleistung "Je t'aime - wer mit wem". Fahrstuhlmusik im Fernsehformat, mit Titeln so einfach und ehrlich wie die gute alte DDR: "Ab zwei dabei" oder "Hier ab vier", alles streng nach der Vorgabe "Gähn' vor zehn". Der ZDF-Redakteur, der sich den super-frechen Titel "Volle Kanne Susanne" ausgedacht hat, hat bestimmt beim MDR viele Neider. Den Inhalt der mitteldeutschen Massennarkotisierung hinterfragen die Macher dabei genauso wenig wie Ingo Dubinski seine Frisur.
Vielleicht mögen die ostdeutschen TV-Gucker deshalb die Privaten am allerliebsten, wie es die Studie ebenfalls herausfand? (Oder ist es wegen der langen Werbepausen, in denen man mal schnell zum Arbeitsamt gehen kann?) Nein, Herr Reiter, Ihren Sender mit einem gutmütigen, aber manchmal auch zubeißendem Tier zu vergleichen, ist übertrieben: Allenfalls ein Schoßhündchen sind Sie, und das hätte im Gegensatz zu dem pottschwarzen und -häßlichen, rübennasigen "Brisant"- Maskottchen dann auch seinen putzigen Namen verdient: Wuschel.
erschienen in: DIE WOCHE, 6.10.2000


