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Glossen

Werbesprache

Neulich im Pizza-Schnellrestaurant: "Zwei Mal mittelgroße Pizza mit Champignons" orderte ich ahnungslos. "Thin 'n' Crispy, Cheesy Crust oder American Style?" fragte daraufhin die Bedienung, worauf ich erst nur ein "naja, Pizza halt" herausbrachte, mich aber schnell noch mit einem "das erste!" retten konnte. Auf einen Soft Drink hätte ich danach eigentlich verzichten können, denn die typisch deutsche Artikulation des "th" seitens des shop assistants hatte bereits genug Feuchtigkeit in meinem Gesicht hinterlassen.

Ein Viertel der Westdeutschen und die Hälfte der Ostdeutschen wären aber trotz "All you can eat" Angebot in diesem Restaurant zum Hungern verurteilt, sind nämlich des Englischen nicht mächtig. Und das, obwohl die Werbeindustrie ja versucht, dem Konsumenten schon im Babyalter die Szenesprache einzuflößen, schließlich ist ja schon das Breiglas "Hip"! Abgesehen davon, dass wir "Krauts" ja jede Gelegenheit ergreifen, um von unserer eigenen Sprache und Kultur abzulenken, nennt die Sprachwissenschaft noch einige andere Gründe, warum Englisch bei uns so "very beliebt" ist.

Der Kolorit sorgt zum Beispiel für lokale oder soziale Färbung. So darf der Marlboro-Cowboy natürlich nicht sagen "Komm dahin, wo der Geschmack ist", denn dass der Mann auf seiner einsamen Farm in Wyoming eine Volkshochschule in Reitweite hat, die auch noch "Deutsch für Farmer" anbietet, ist höchst unwahrscheinlich. Auch der Beweggrund der Präzision leuchtet ein: Toast ist kürzer als "geröstete Weißbrotscheibe", und wenn wir sagen würden "Ich habe mal wieder tierisch viel den Körper belastende stärkere Leistungsanforderungen" würde uns das schöne Wörtchen "Stress" noch mehr davon bereiten. Auch Body Bag statt "eng am Körper getragene Tasche" zu sagen, macht auf den ersten Blick Sinn - manchmal macht es aber auch Sinn, erst mal ein Wörterbuch zu konsultieren, liebe hippe Produktnamenerfinder, denn Body Bag heißt auf US-Englisch Leichensack! Verschleierung ist ein weiteres Kriterium, das die Forschung anführt. So hat man 20 Jahre lang keine Roller verkauft, doch halbiert man diese in der Mitte und schreibt Kickboard drauf, ist der Consumer wieder trendy. Ein Baumwoll-Lappen läuft mit dem Aufnäher Eastpak dem guten alten Tornister den Rang ab, aber der hieß ja eh schon lange Scout.

Auch wenn's unappetitlich wird, ist der Anglizismus stets zur Stelle: Anti Aging Skin Soothing Lotion klingt ja auch irgendwie besser als Furchenpaste, und was es mit der Dry-Weave-Oberfläche der Slipeinlage auf sich hat, wollen wir lieber gar nicht so genau wissen. Selbst das Bahnhofs-WC heißt jetzt McClean, auch wenn es da aussieht, als sei schon seit Los Wochos nicht mehr saubergemacht worden! Ein Kriterium aber haben die Sprachwissenschaftlicher bislang ignoriert: Das systematische Verunsichern (manche sagen auch Mobbing) von Leuten, die nicht zur Target Group gehören. Meine Oma zum Beispiel hat nur den Kopf geschüttelt, als ich ihr meine "Mehl-Box" im Handy vorführte ("Kind, warum willst Du denn von unterwegs aus Kuchen backen?"). Ich erklärte es ihr, und auch die Angst vor ihrem Shower Gel konnte ich ihr nehmen und versicherte, dass hier keine Grusel-Effekte aus der Flasche triefen. Sie war so dankbar, dass sie mir gleich ein Schokoplätzchen mit Orangenfüllung kredenzte, und zwar mit den Worten: "Hier, nimm doch auch von der Soft-Kacke!"

Auf der anderen Seite hat die Sprachpanscherei aber auch ihr Gutes. Denn dass die Kinder sich allerorts plötzlich so gut mit den Türkinnen in der Klasse verstehen, mag am Engagement des Lehrers in Sachen Ausländerintegration liegen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Kids Ayse einfach cool finden, weil sie schon ein Headscarf getragen hat, lange bevor H&M sie ins Sortiment genommen hat.

erschienen in: BRIGITTE, Heft 13/2001

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